Zum Hauptinhalt springen
E-Ink-Familienkalender auf einem Frühstückstablett im Garten, davor Kaffeetasse und Gebäck
KI

Familienkalender als Engineering-Projekt: Der Mensch dirigiert, der KI Agent baut

Interview zum Urlaubsprojekt: ein autarker E-Ink-Familienkalender, gebaut mit einem KI-Coding-Agenten — über den Simulator-Trick, die Fehlersuche und das, was mit KI Sache des Menschen bleibt.

Julian Weyer
Julian Weyer 6. September 2026 · 5 Min. Lesezeit
KI ·KI ·Hobbyprojekt ·5 Min. Lesezeit

Ein Gespräch mit Julian Weyer über sein Urlaubsprojekt: einen autarken E-Ink-Familienkalender, gebaut mit einem KI-Coding-Agenten — und darüber, was der Mensch dabei eigentlich noch zu tun hat.

Julian, fangen wir ganz vorne an. In vielen Familien herrscht ein gewisses Kalender-Chaos. War das bei euch der Auslöser?

Absolut. Wir hatten nie den einen Ort für unsere Termine. Meine Partnerin nutzt Papier, ich habe meinen Geschäftskalender, und dann gibt es noch die Termine unserer zweijährigen Tochter, irgendwo zwischen den Welten. Es war immer ein Ratespiel: Wann ist wer wo? Wer holt Töchterlein von der Tagesmutter ab? Da ich gerne tüftle und mich beruflich viel mit KI-Agenten beschäftige, dachte ich: Das muss doch eleganter gehen. Ein eigenes, smartes Display, das uns den Überblick zurückgibt.

Ein Tablet an der Wand wäre die naheliegende Lösung gewesen. Du hast dich aber für ein E-Ink-Display entschieden. Aus Trotz?

(Lacht) Eher aus praktischen Gründen. Ich wollte kein Stromkabel quer durchs Wohnzimmer legen und auch kein Gerät, das ständig Strom zieht. E-Ink ist da unschlagbar, es verbraucht fast nichts und läuft wochenlang mit einer Akkuladung. Außerdem wollte ich eine autarke Lösung, die nicht von einem Server in der Cloud abhängig ist. Das Display sollte sich seine Daten selbst holen. Und weil ich so etwas nicht von der Stange fand und ohnehin gerne baue, war klar: Das machst du selbst.

Ein Job, eine Familie und dann noch so ein Projekt. Wie hast du das zeitlich geschafft?

Ganz ehrlich: Ohne KI-Unterstützung hätte das nicht funktioniert. Vor einem Jahr habe ich schon mal mit dem ESP32-Mikrocontroller experimentiert, das ist aber schnell wieder eingeschlafen. Ich kann schon programmieren, aber C-Code ist nicht gerade meine Muttersprache. Diesmal war es anders. Ich habe den Controller per USB an den Laptop angeschlossen und meinen Coding-Agenten machen lassen. Das hat den Aufwand von Wochen auf wenige Tage nebenbei reduziert.

Dein Logbuch verrät, dass die entscheidende Idee für den gesamten Workflow von dir kam: der „Simulator“. Erzähl mal.

Das war teils Faulheit, teils Neugier. Ich hatte keine Lust, nach jeder kleinen Code-Änderung das Display neu zu flashen, also den Code neu auf den Chip zu spielen. Das dauert. Ich dachte mir: Der ganze C Code, der das Bild erzeugt, könnte genausogut hier in der Entwicklungsumgebung laufen. Also hab ich den Agenten gefragt: „Kannst du das Bild nicht einfach hier generieren und dir ansehen?“ Es ging. Von da an haben wir fast alles simuliert. Das echte Gerät kam nur noch zum Einsatz, wenn ich sagte: „So, jetzt flashen wir.“

Simulierte E-Ink-Anzeige: Wochenübersicht mit Wetter, Terminen, Müllabfuhr und Geburtstagen für Donnerstag, 13. August 2026
Ein Bild aus dem Simulator — erzeugt in der Entwicklungsumgebung, ganz ohne das Display neu zu flashen. Genau dieselbe Rendering-Pipeline, die später auf dem Chip läuft.

Lief immer alles glatt oder gab es auch Momente, in denen du dachtest: „Mist, das wird nichts“?

Oh ja, die gab es. Einmal hing das Display einfach. Es wollte ums Verrecken keine Daten aus dem Netz laden. Die erste Vermutung vom Agenten und mir: Das Gäste-WLAN im Urlaub blockiert irgendwas. Wir haben ewig in die falsche Richtung gesucht. Erst als der Agent auf mein Drängen hin das Netzwerkprotokoll mit einem Kommandozeilen-Tool nachgebaut hat, zeigte sich die wahre Ursache: Ein Server schickte die Daten in einem speziellen Format („chunked Transfer-Encoding“), und der Code auf dem Chip hat das schlicht nicht verstanden. Er wartete auf Daten, die nie kamen. Das sind die Momente, in denen man merkt: Dem Agenten beim Denken zuzusehen und ihn mit dem eigenen Wissen zu lenken, ist Gold wert.

Das klingt, als wärst du mehr Dirigent als nur Auftraggeber gewesen. Wer hat den Kalender denn nun gebaut – du oder die KI?

Der Agent hat jede Zeile Code geschrieben. Aber ohne mich wäre nichts entstanden, was ich hätte brauchen können. Ich habe die Anforderungen formuliert, die Architektur entworfen und immer wieder eingegriffen, wenn der Agent in die falsche Richtung lief oder sich wiederholte. Ich habe ihm mehrmals gesagt: „Du denkst gerade sehr lange über diesen Schritt nach. Lass uns dafür doch ein Skript anlegen, damit es nächstes Mal schneller geht.“ Genau das ist, glaube ich, der Punkt: Die KI ist ein unfassbar potentes Werkzeug, aber die Kreativität, die Vision und die Fähigkeit, den Überblick zu behalten – die kommen vom Menschen.

In eigener Sache

Dieses Interview hat der virtuelle Ghostwriter meines Vertrauens geführt — Fragen von der KI, Antworten im Wesentlichen von mir. Passt eigentlich ganz gut zum Thema: Das Werkzeug formuliert, die Substanz kommt vom Menschen.

Gibt es ein Detail, auf das du besonders stolz bist?

Ich bin auf das ganze Ding stolz! Aber eine Kleinigkeit, die ich liebe: Wenn wir im Urlaub sind und dort ein Termin im Kalender steht, zeigt das Display automatisch das Wetter für den Urlaubsort an, nicht für zuhause. Das, die schönen, weichen Schriften durch Antialiasing, das kleine Popup-Fenster, das beim Synchronisieren live anzeigt, was gerade passiert – es sind diese vielen kleinen Details, die es zu meinem Projekt machen.

Letzte Frage: Was rätst du jemandem, der ein ähnliches Projekt starten will?

Recherchieren, recherchieren, recherchieren! Man muss nicht jede Zeile Code selbst schreiben können, geschweige denn verstehen, aber man muss verstehen, was der Code bewirken soll. Ein Grundverständnis von der Technik, mit der man arbeitet, ist unerlässlich. Nur dann kann man die Vorschläge der KI bewerten und sie wirklich steuern. Dann wird aus einer vagen Idee auch ein funktionierendes Produkt.

Vielen Dank für das Gespräch, Julian!